> Einladung Vernissage – Werke aus dem Nachlass von Christian Lippuner
Als kompromissloser Denker machte Christian Lippuner mit seinen Werken die Interaktionen zwischen Mensch, Raum und Zeit sicht- und fühlbar.
| Samstag, 31. August 2024 | 16.00 Uhr |
| Bahnhofgebäude Ermatingen |
| Begrüssung: | Peter Dransfeld |
| Laudatio: | Gabriella Maria Spirig, János Stefan Buchwardt |
Zur Ausstellungseröffnung mit kleinem Apéro laden wir Sie, Ihre Familie, Freunde und Bekannte herzlich ein.
Gabriella Maria Spirig, Peter Hausammann, Peter Dransfeld
Die Bilder-Ausstellung dauert bis 31. Oktober 2024
> Rede zur Gedenk- und Ausstellungsveranstaltung | September und Oktober 2024 | Bahnhofsgebäude Ermatingen | 31. August 2024 | János Stefan Buchwardt
Was übrig bleibt
Nach einer ausgreifenden «Hymne» auf den Künstler ist mir nicht zumute, habe ich doch längst viele gutmeinende Worte verloren, was Christian Lippuner angeht. Längst haben ihn die meisten unter uns für sich entdeckt oder auch im Stillen oder Lauten kritisch beobachtet. Heute ist Wiederbegegnung angesagt und vor allen Dingen auch freudiges Gedenken.
Ich darf Sie herzlich begrüssen. Schön, dass Sie hier sind, auch von meiner Seite aus, um gemeinsam das Lippuner-Vermächtnis zu ehren und den Menschen darüber hinaus ein wenig zu reflektieren. Zusammen mit seiner Frau Roswitha und in Abwesenheit der weiteren Familie, die sich ihrerseits höflich und zum Teil herzlich entschuldigen lässt.
Gestatten Sie mir also ein paar wohlwollende, aber auch unverblümte Gedanken zu äussern. Lassen Sie mich würdigen und hinterfragen. Besonders Ihnen, lieber Herr Dransfeld, möchte ich dafür danken, dass sich mir hier die Möglichkeit bietet, dieser Veranstaltung auch meinen persönlichen Stempel aufzudrücken.
Wie kurios: ein Architekt und Mitglied der Grossen Rates im Thurgau ist in diesem Fall über seine Rolle als Ateliervermieter unvermittelt ins Kunstfach eingetreten. Das Konkursamt Frauenfeld hat ihn gewissermassen zum Nachlassverwalter gemacht. Er hat sich dankenswerterweise der künstlerischen Hinterlassenschaft angenommen und sich gegen die Option entschieden, dass sich die Gemeinde Ermatingen selbst um den Bestand kümmert.
Die Ausstellung darf eine aktuelle und lebendige Auseinandersetzung mit einem Künstler sein, der – wie viele andere – sein Handwerk und seine Überzeugungen mit Intensität und Leidenschaft verfolgt hat. Ja, Christians Leben war – fast schon besessen – von einem unermüdlichen Streben nach Grösse und Anerkennung geprägt. Wie das vieler anderer? Er war ehrgeizig, er lotete die Grenzen seiner Kräfte aus.
Natürlich, seine Werke sind komplex und vielschichtig. Seine Frau hätte nicht die Kraft, ich nicht die Kapazität gehabt, sich um den Nachlass zu kümmern. Dass Sie, Herr Dransfeld, sich dieser Aufgabe – zumindest teilweise – angenommen haben, ist ein Akt der Zuwendung und auch der kulturellen Verantwortung. Heute aber gilt: Kunst für Geld. Das ist legitim, so soll es sein. Werte und Gegenwerte. Als Spekulationsobjekte werden sich die Bilder wohl nie eignen.
Es wäre ein Fehler, Lippuners Wirken an materiellen Massstäben zu messen. Christian war ein Mann der Überzeugungen. Er setzte sich für Werte ein: Menschlichkeit, soziale Gerechtigkeit, die Würde des Einzelnen. Er war ein Gegner von Ausgrenzung und Diskriminierung, und er brachte diese Überzeugungen in seinem Schaffen zum Ausdruck, offen oder auch subtil. Auch wenn er politisch sein wollte, seine Kunst wird keine Kriege verhindern können.
Zum Kauf angeboten – in einem trivialen, aber beliebten Kiosk mit Cafeteria, neben Zeitschriften, Losen und Tabakwaren. Ist das der Ort, den Christian sich gewünscht hätte? Nein. Und: Ja! Denn es ist mehr als nur eine Notlösung: Kunst wird in den Lebensalltag integriert. Mag sein, dass das hier eine tiefere Verbindung zu den Menschen schaffen kann, eine intensivere Begegnung ermöglicht, als es ein traditioneller Ausstellungsraum je könnte.
Sicherlich, Christian und ich hatten ein Vertrauensverhältnis. In meinen öffentlichen Äusserungen über ihn habe ich mich bemüht, objektiv und gerecht zu bleiben, seine Kunst und Persönlichkeit ungeschönt so zu betrachten, wie es ihm gebührt. Unverhohlen gesprochen: Er lebte über viele Jahre in materiell prekären Verhältnissen. Er kämpfte ums tägliche Auskommen, während er gleichzeitig versuchte, seine künstlerische Vision zu verwirklichen.
Roswitha, Christians Frau, spielte dabei eine zentrale Rolle. Sie war nicht nur seine Gefährtin, sondern auch seine grösste Stütze. Sie hielt ihn über Wasser, ermöglichte es ihm, seiner künstlerischen Berufung nachzugehen und bewahrte ihn vor manchem Absturz. Ohne ihre unermüdliche Liebe und Hingabe hätte Christian vieles, was wir heute hier und woanders sehen und schätzen, nicht schaffen können. Dafür, liebe Roswitha, gebührt dir unser tiefster Respekt.
In meinem Nachruf in den hiesigen Medien hatte ich versucht, das Beste über Christian Lippuner zu sagen. Natürlich, er eckte durchaus auch an, war charmant, wirkte mitunter überheblich. Seine Signatur falle zu gross aus, seine Bildtitel seien zu kompliziert, hiess es. Er hielt daran fest. Hürden und Vorurteile erschwerten seine Karriere: von Haus aus nur als Grafiker unterwegs, Kunstausübung als psychischer Rettungsanker nach lebensbedrohlicher Erkrankung, zu spät als Kunstberufener aufgetreten zu sein, zu alt und so fort.
Seine Bedeutung für die Kunstszene in der Ostschweiz zu bestimmen, da begibt man sich, weiss Gott, auf Glatteis. Zweifellos sind viele der Exponate das Ergebnis eines langen Ringens – mit sich selbst, mit den Umständen, mit der Kunst an sich. Christian Lippuner hat immer nach dem gesucht, was über das Offensichtliche hinausgeht. In seinen Werken spiegelt sich sein Überlebenswille wider, sein Streben nach Ausdruck, nach einer Formensprache, die unverwechselbar geworden ist.
Heute sind wir versammelt, um das alles, um ihn und seine Witwe zu belobigen. Viele von Ihnen haben den Künstler gekannt, gemocht, ihn unterstützt und begleitet. Wir erinnern uns an ihn. Es liegt an uns, das jeweilige Erbe zu bewahren. Vermächtnisse leben weiter. Und nicht oft genug: Ganz besonderer Dank gilt dir, liebe Roswitha, für deinen stillen Beistand, für deine unschätzbaren Dienste, ohne die vieles nicht möglich gewesen wäre. – Lassen Sie mich schliessen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
> Nachruf auf Christian Lippuner | St. Galler Tagblatt, Thurgauer Zeitung | 29. Juli 2023
Requiescat in pace ✙ Ruhe in Frieden
Christian Lippuner, 20. Juli 1947 – 18. Juli 2023
Der Zerbrechlichkeit freien Denkens erlegen
Aus einem starrhalsigen und gleichzeitig feinsinnigen Charakter heraus erwuchs dem Künstler Christian Lippuner kein umfangreiches, aber ein reiches Werk. In der Grossskulptur «Humanitas» etwa, Christian Lippuners später Stahlplastik für die «Bad Ragartz 2021», zeigt sich die Intensität seines Schaffens. Eindringlich und überdurchschnittlich wollte der Künstler auf gesellschaftliche Problematiken aufmerksam machen. Am 18. Juli 2023 – zwei Tage vor seinem 76. Geburtstag – ist Christian Lippuner verstorben.
Seit dem Jahr 2003 proklamierte Lippuner, ausgerüstet mit dem Wissen eines Grafik- und Kunststudiums, die Freiberuflichkeit eines Künstlers für sich. Der Entschluss des da schon über Fünfzigjährigen kam nicht von ungefähr. Aufgrund kontinuierlich schwerer Erkrankungen musste und wollte er umsatteln. Vor der Jahrtausendwende war er über 30 Jahre international erfolgreich als Grafikdesigner unterwegs. Werbeberatung, visuelle Gestaltung und die Tätigkeit als Artdirector in renommierten Agenturen kennzeichnen seine Erstbiografie.
Ob im Kleinen oder in Grossformat, feinsinnige Haltungen und willensstarke Gesten prägen Christian Lippuners Werk. Das gilt für seine Raum bietende Malerei wie für seine Zeichnungen, Skulpturen, Objekte oder Druckgrafiken. Immer wieder erkundete er das Einzelverhalten der Linien. Im von Meisterhand entworfenen Zusammenspiel zwischen Abstrahierendem und Figürlichem ergeben sich integre Interpretationen von Humanität.
Dem Ungemach preisgegeben
Gerechtfertigt oder ungerechtfertigt, Christian Lippuner machte es zeitlebens zu schaffen, dass er sich als Künstler von seiner Familie nicht umfassend wertgeschätzt fühlte. Dass sich darüber hinaus auch der grosse Erfolg nicht gleich einstellte, lief seinem Anspruch auf Anerkennung für Höchstleistungen zuwider. Gesellschaftliches Ungemach sei Bestandteil seines Erwägens und Ausdrucks, so sein Gebot. Nun ist der anerkannte Ostschweizer Künstler dem eigenen jahrzehntelangen körperlichen Ungemach erlegen.
Vom Grübeln zum ausgereiften Kunstprodukt
Skulptur, Plastik, Konkrete Poesie, Mitherausgabe literarischer Blätter, Entwicklung und Vertrieb eigener Armbanduhren – Christian Lippuner hatte viele Talente, die er nicht alle gleichermassen kultivieren konnte. Die Malerei darf als sein hauptsächliches Genre gelten. Vier bis sechs grossformatige Bilder pro Jahr durchliefen Phasen intensiven Nachgrübelns und Bewertens. Sobald sich die passende Mischung aus Weltentrücktheit und Bodenhaftung einstellte, entstanden seine minutiös-expressiven Ausformungen.
In Lippuners Werken werden Werte hinterfragt: gesunder Menschenverstand, Solidarität, Gerechtigkeit. Bedrohlichkeit wusste der 1947 im sankt-gallischen Grabs Geborene und nun in Kreuzlingen Verstorbene aufrüttelnd in grelle Farben zu fassen. Konträr dazu sind tiefdunkel gefasste Hintergründe typisch für viele Gemälde. Im Wechselspiel zwischen Liniensystemen, schablonenhaften Schichtungen und schemenhaften körperlichen Ausformungen stellte sich für ihn die Frage nach den Zwischenräumen an sich.
Im Dunst des Unwägbaren
Mit vehementem Willen und Glauben an das Leben haben Christian Lippuners Frau Roswitha und er es fertiggebracht, ihm die Biografie einer beeindruckenden Künstlernatur zu schenken. So konnte er trotz verschiedener Krebsleiden und einer Nervenkrankheit weitgehend unbeirrt in seine Welten abtauchen. Um, wie er sagte, die Interaktionen zwischen Mensch, Raum und Zeit sichtbar zu machen. Um darüber, wie er formulierte, Ästhetik und Ethik zu vereinen.
Sein künstlerisches Mitteilungsbedürfnis war hoch und streng. In die konzentrierten, tief durchdachten Werke schrieb sich quasi unter der Hand ein sonderbar hoffnungsfrohes Märtyrertum ein. Die Titel seiner Bilder sprechen für sich und für ihn: «Im Glauben an Freiräume», «Im Dunst des Unwägbaren», «Zersetzung von Schönheit», «Wächter der Unwissenden» oder «Quell unnachgiebiger Haltung» … Sein fester Glaube daran, dem Tod noch einmal von der Schippe springen zu können, wurde schliesslich grundlegend erschüttert.
János Stefan Buchwardt
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> FREIPASS #49 – «Ich möchte einen Begriff wie Kriegszustand visualisieren»: Der Künstler Christian Lippuner im Fragebogen
«Jede Woche spielen wir Ostschweizer Kulturschaffenden den Ball zu und fragen: Was lernen Sie gerade neu? Worauf freuen Sie sich? Heute mit dem in Kreuzlingen lebenden Künstler Christian Lippuner. Zwischenmenschliche Zuwendung ist ihm in diesen Zeiten ein besonderes Anliegen. Wäre er nicht Künstler geworden, hätte er sich vorstellen können, als Schauspieler den charmanten Schurken zu spielen.» (Thurgauer Zeitung | St. Galler Tagblatt, Martin Preisser, 07.06.2022)
> Einladung von «kunstthurgau» zur Gruppenausstellung «unterwegs»
Gastkünstler-Auftritt im Rahmen der kunstthurgau in der alten Schuhfabrik in Märwil (2. September bis 18. September 2022)
> Porträt im grenzüberschreitenden Magazin «Nun,» für Konstanz und Kreuzlingen | Nummer 8, Titel und Thema: Im Kokon
Am 31. März 2022 ist die Nummer 8 des «NUN,» mit einem Künstlerporträt über Christian Lippuner erschienen. Text von Manuel Güntert, Aufnahmen von der Fotografin Elaine Fehrenbach
> «Fabulieren» in der Literaturzeitschrift WORTSCHAU
Das Gemälde «Fabulieren» (Rubrik: Malerei 2021) ist Bildgrundlage für die Ausgabe 38 (Oktober 2021) des deutschen Literaturmagazins WORTSCHAU zum Thema «Fernweh».
> Gedanken zur «Humanitas»
Der Entschluss zur Einfarbigkeit ruft Einhelligkeit hervor. Die Eigenständigkeit der drei geometrischen Figuren – Quadrat, Dreieck und Kreis – verwächst zur Einheit. Utopisch, irreal und doch von dieser Welt? Beim Umrunden erwachsen der Humanitas immer wieder neue kubistische Formen. Über den Schattenwurf wechselnden Lichts spielt sie mit uns und sich selbst. Sie überrascht, wo sie sich zerlegt, und je nach Standpunkt erwachsen ihr neue plastische Abstraktionen.
Wenn ihr Anblick hilft, «Mitmenschlichkeit» stets neu zu denken und zu erfinden, wenn symbolische Sichtbarmachung Köpfe und Herzen erstaunen lässt und sie dazu bewegt, untereinander Anteilnahme und Zuwendung zu leben, habe ich mein Ziel erreicht.
> Plastik «Humanitas» an der Bad RagARTz 2021
Das Werk war beim regelmässig stattfindenden Skulpturenpark in Bad Ragaz ausgestellt. An der 8. Schweizerischen Triennale der Skulptur stand es einen Sommer lang mitten in der Bad Ragazer Altstadt, vom 8. Mai bis 31. Oktober 2021. Produziert durch die Fa. Ammann AG, Metallbau in CH Tägerwilen.
Der Beitrag besteht aus drei ineinander verzahnten geometrischen Objekten. Als einfachste und symbolisch und mythologisch hoch aufgeladene Formen ergänzen sie sich nicht nur, sondern sind magisch verwoben. Das Dreieck steht für Stabilität, der Ring für Einheit, das Quadrat für Integration. Ein Nebenprodukt von einst (siehe Verweis auf «Aktion» unten) sollte 20 Jahre später neu erstehen und zur solistischen, jetzt grossformatigen Plastik werden.
Der Anspruch, gestaltend auf Gesellschaftliches einzuwirken, löst sich über ein brisantes Themenfeld ein: zunehmende Gewalt, Übergriffe, Vorurteile, Bedrohung des Nächsten. Die Gesellschaft muss stets von Neuem Besinnung und Humanität einfordern. Das Vorhaben, auf in Vergessenheit geratene Grundlagen friedvollen Miteinanders hinzuweisen und Respekt vor der Würde des Menschen einzumahnen, scheint dringender denn je. Werte wie offene Verständigung, Einfühlungsvermögen und Toleranz sollen sinnbildlich Ausdruck finden.
> Im Auge des Lichtzeichners
Dass sich der Fotograf Werner Braun aus Winterthur der «Humanitas» angenommen hat, freut mich sehr. Ein Blick in seinen Lichtzeichner-Blog eröffnet sechs Sichtweisen auf die Skulptur, die von detailverliebtem Licht- und Formenspiel zeugen. Die aufgenommenen Segmente entwickeln aussergewöhnliche Perspektiven kubistischer Reduzierung. Lässt die gelungene Zerlegung respektive Brechung der geometrischen Grundformen nicht geradezu an eine vierte, eine spirituelle oder metaphysische Dimension der Plastik denken?
> Das Ästhetische politisch denken
Wenn sich der politische Charakter eines Bildes wertschätzend und bewegend etablieren kann, ist mir das schönstes Zeichen. Die Anfrage der kleinen, niedersächsischen Kirchgemeinde Tostedt, das Flüchtlingsbild «Schlag ins Gesicht» (2016) zur Erklärung einer Bibelstelle innerhalb eines virtuellen Gottesdienstes heranzuziehen, ehrt mich.
Zitat des Verantwortlichen: «Bei vielen geschützten Bildern findet sich schnell über verschiedene Bilderdienste Ersatz. Für Ihr Werk spricht, dass ich das nicht finde und die Dichte der Aussagen im Bild wirklich beeindruckend ist.»
Und genau daran liegt mir: Kunst nicht zuletzt mit gesellschaftlichen Aussagen zu versehen, mit Sinnbildlichkeiten auszustatten, um so Bewusstwerdung zu ermöglichen. Freuen Sie sich mit mir, meiner Linie zum Wohle anderer treu bleiben zu können. Und zwar über das, was mir erspriesslich und hier fast schon «segensreich» zur Motivation wird.
> Bronzeskulptur «Selbstredend» – Der Mensch ist Spielball
Aus einem monolithischen Block schält sich ein personifizierter Urlaut, nicht zuletzt an das Munchsche Schrei-Motiv erinnernd. Stehen Angst, Schmerz und Zweifel dahinter? Einer ruft aus, ruft in sich hinein, will eins mit dem Natürlichen werden. Alles andere als indifferent, gefühllos oder distanziert scheint sich die aus dem Massiv wachsende Menschenbüste weniger der Ethik der Autarkie als der Verbrüderung mit dem Kosmos verschreiben zu wollen. Im Sog nach aussen und innen, berührbar und verletzlich äussern sich Wunsch und Sehnsucht nach ursprünglicher Seinsverbundenheit.
Konkret mag der männliche Protagonist hier dem zeitgeistigen Unisono einen Augenblick des Alleinseins entgegensetzen. Individuelles Zeugnis ablegend, lebensweltliche Ökonomie von Nähe und Distanz ergründend setzt er den zündenden Funken gegen übertriebene Selbstbezüglichkeit und für die selbstbestimmte Bejahung der Schicksalskonstellation. Ein Akteur im Welttheater, der die Leere der Herzen beklagt? Eine Kreatur, die sich im Spiegel göttlichen Geheimnisses wiederzufinden vornimmt, unserer Erschaffung, dem christlichen Mysterium der Fleischwerdung auf der Spur?
Die Erkennbarkeit allen Drumherums bedeutet nicht, der Mensch sei in der Lage, das Gesamtzusammenspiel nachzuvollziehen. Zur conditio humana gehören das Anerkennen von Grenzziehungen und eine gute Portion Bescheidenheit. Bedingen sich Zwänge und Freiheit nicht sogar? Selbstredend, dass Innerlichkeit Souveränität, Wille und Verstand einschliesst. Doch eine Person in ihrer Vereinzelung würde nicht ausreichen. Humane Verfasstheit ist immer eine dialogische, der Mensch immer Mitmensch. Trotzdem gehören Phasen existentieller Einsamkeit zur Reifung und zur Schöpfungswirklichkeit.
> Bronzeskulptur «Selbstreferenziell» – Von der Kraft des Ausgleichs
Einer, der über Reflexion zu Regulation gelangt? Ganz einfach: Es führe zur näheren Bestimmung des Selbst und der Zwischenmenschlichkeit, über sich und die Welt nachzudenken. Nur so werde Leben verständlicher, im Vermengungs- und Aufschlüsselungsprozess, gut dosiert, selbstverstrickt und beziehungsverflochten.
Besinnung befähigt zu relevantem Handeln. Auf die Wechselwirkung käme es an, zwischen Emotionalem, Impulsgesteuertem und Verstandeskraft. Wer intensiv betrachtet, wägt ab. Wo Bedachtsames und Wachsamkeit wirkt, wächst Verantwortung. Aus der oder dem Rückschauenden wird die oder der Entscheidungsfähige.
> Gravität und Poesie im Universum
Kreisend lädt Geometrisches in alle Richtungen ein, umschliesst und verbindet, was leicht und bewegt und trotzdem massegeladen einherschreitet. Wo linearem Knäuel poetische Lebenskomplexe entwachsen, eröffnet sich Menschengemachtes und Wertgefühl. Das in sich Geschlossene behält Würde, ist keine gewalttätige Formation, nur zeitliche Ansehnlichkeit. Gemessen im Linienspiel bezeugt sich Klanglichkeit, die der Bahnen des Seins und der Körper. Und gerade weil die Hirnverknotung vom Geradeaus weiss, lebt sie schliesslich doch nur von Verkrümmung und Schwere.
> Neuer Holzschnitt: «Korruption»
Seinen Anspruch, Gesellschaftsrelevantes kritisch aufzugreifen und zu hinterfragen, weitet Christian Lippuner erneut aus. Politische streifende Themenbereiche gehören explizit zu seiner künstlerischer Agitation. Er versteht das weniger als Aufklärungs- denn als Sensibilisierungstätigkeit. Simple Stammtischparolen zur Thematik umrahmen das eigentliche Korruptionsmotiv und verleihen der Aussage brisanten Charakter.
Aus der Arbeit wird ein Plakat gefertigt. Sie steht als Auftakt im Kontext eines geplanten Werkzyklus' mit weiteren druckgrafischen Einzelwerken, also Radierungen und Lithografien. Die komplette «Blackbox» soll limitiert in 5 Exemplaren erscheinen. Eine weitere – eine «Whitebox», ebenfalls in Auflage von 5 Stück – wird sich mit entgegengesetzten Begrifflichkeiten befassen: Gerechtigkeit, Integrität und Gewissenhaftigkeit.
Ein neuer Holzschnitt des bildenden Künstlers Christian Lippuner zeigt eine Handvoll fratzenhafter Figuren, die sich um ein boxenähnliches Behältnis gruppieren. Entstellt und verzerrt im Ausdruck scheinen die Protagonisten nach einem uns nicht einsichtig werdenden Inhalt zu fiebern. Die konspirativ wirkende Verfassung wirft Licht auf den Umstand, dass etwas verborgen bleiben soll. Da wo Gier und Geheimnis sirrend zu avancieren beginnen, zeugt das vorgestellte Gesamtbild von offensichtlicher Zwielichtigkeit des Tuns.
Geheimnissvoll schlüsseln die das Hauptbild rahmenden Schlagwörter und Parolen die Situation auf. Vermöge einer unverblümten Benennung des Sachverhaltes «Korruption» bekommen sie anklägerischen Charakter. Alltäglichkeit und Bezichtigung legen sich gleichermassen und wie selbstverständlich über die Szenerie. Wo Grimassiertes zum ausgemachten Einwurf wird, Verrenktes zum gewöhnlichen Gebaren, tritt eine für Lippuner bezeichnende politisch ankreidende Position auf den Plan: dem stetigen Aufkeimen der Machenschaft Paroli bieten.
Über die populäre Schlagwortliste werde der Straftatbestand parodierend banal eingefangen – so könnte man die Schlagkraft des Blattes kritisch mindern. Doch will und kann der Künstler überhaupt ein ethisch gültiges Rezept anbieten? Allein dass er das Gewissen anstösst, um dem destruktiven Akt um Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung zu begegnen, ist viel – samt dem blossen Provozieren von Fragen wie: Ist Wohlstand ohne Korruption denkbar? Haben egoistische Prämissen des Profitdenkens längst über sozial verantwortliches Handeln gesiegt?
> Nominierung zur DI CARTA/PAPERMADE 4, Biennale Internazionale di opere di carta in Italien.
Das Werk wurde unter der Katalognummer 1021 in die Sammlung der Schio Municipal Collection aufgenommen.
> Das Bild «Kopf Geschehen» wurde vom Kunstmuseum Thurgau angekauft. Es war Teil der Ausstellung «Neue Kollektion – Die Sammlung wächst» (19. Januar 2018 – 22. April 2018).
«Mit Ereignishaftigkeit ausstaffiert steht das ausladende Kopfgemälde für das Aneinandergeraten von Wissensdurst, Informationsvermittlung und Nachrichtenüberflutung. Der vorherrschende Farbeindruck erinnert an unseren blauen Planeten als wechselwirkendes System. Die Biosphäre mutiert zum denkenden, heutigentags oftmals überforderten Wesen. In ihrer Komplexität scheint die Welt ohne Informationszufuhr und Berechnungsstrategien unaushaltbar. Ein Appell also an einen ursprünglichen und menschengerechteren Umgang?»
>> TIPP : 2011, Kunstwelten, 1040 S., ca. 1000 meist farbige Abbildungen, 21 x 29,7 cm, gebunden, deutsch, 2011, Boesner GmbH Holding + Innovations (Hrsg.). 1. Auflage vergriffen.ISBN: 978-3-9280-0300-1. 100 ausgewählte Künstler. Ergänzt wird diese Kunstsammlung durch Fachbeiträge renommierter Autoren der Kunstszene von: Dieter Begemann, Klaus Honnef, David Hornemann v. Laer und Wolfgang Ullrich
>> TIPP : Bericht zu Christian Lippuner auf thurgaukultur.ch: Menschen - Malen mit 70
Bild unten: Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen, Gemeinschaftsausstellung im Richental-Saal, Kulturzentrum am Münster, Konstanz, 2016/17, mit Stefan Postius (D), János Stefan Buchwardt (CH) und Christian Lippuner (CH)
«Selten war eine Ausstellung in der Region so auf der Höhe der Zeit, selten war die politische Botschaft so wohltuend klar.» (Michael Lünstroth)
«Die drei Künstler bildeten ein Kollektiv, erstmals und eigens für den Richental-Saal. Sie bespielen ihn nicht, wie es der Kunstjargon verhübschend nennen würde. Nein, sie verwandeln den Saal kreativ und interdisziplinär in ein Memento, sie beleben, befeuern und bereichern ihn.» (Alex Bänninger)
>> siehe auch unter «Presse» und «Texte KunsthistorikerInnen»